Titan, Keramik, Polyethylen. Das sind die Stoffe, aus denen die Aussicht auf ein schmerzfreies Leben gemacht ist. In zwei Wochen werden sie in Form einer hochwertigen Prothese mein linkes Hüftgelenk ersetzen. Die Implantation einer sogenannten Hüft-TEP ist heutzutage Routine und wird minimal-invasiv in 30 bis 45 Minuten durchgeführt, was dem Eingriff den Spitznamen „Hip to go“ eingebracht hat. Schonende Technik, geringe Komplikationsrate, vergleichsweise schnelle Mobilisation. Ich habe dennoch lange gehadert. Aber nun habe ich keine Zweifel mehr an der Notwendigkeit dieser Operation. Den damit verbunden Weg von Krankenhaus über Reha, dann Physiotherapie und Monate der Vorsicht zur nachhaltigen Knochenheilung nehme ich bejahend in Kauf. Mission „Ich bekomme mein altes Leben zurück“ läuft.
Phasen von Entscheidungsfindungen sind im Leben die kräftezehrendsten. Kein Projekt mit klarem Ziel kann vergleichsweise so anstrengend sein wie dieser Zustand. Mitte Juni fühlte es sich für mich wie die totale Lähmung an. Nach anderthalb Jahren Try and Error konservativer Behandlungsmethoden, die mir schmerzfreie Bewegung zurückbringen sollten, kämpfte ich äußerlich tapfer weiter, während ich seelisch bereits völlig zermürbt war. Nach all der Zeit, war immer noch nicht klar, ob die Hüfte oder der Rücken die Hauptursache meiner Schmerzen ist. Ich hatte alles Mögliche versucht und viel Geduld aufgebracht. Bis ich mir klar machte, wie viel Verzicht ich ertrug, weil ich mir einredete, er sei nur vorübergehend. Mittlerweile vermied ich jede Situation, von der ich annahm, dass ich körperlich an meine Grenzen stoßen würde.
Die Lösung in zwei Etappen
In der Phase tiefster Verzweiflung erreichte mich glücklicherweise die rettende Idee. Mit Hilfe einer PRT sollte festgestellt werden, ob die vom eingeklemmten Nerv in meiner Wirbelsäule herrührenden und bis in den Fußzeh strahlenden Schmerzen, beseitigt werden könnten. Bei einer solchen „Periradikulären Therapie“ werden Kortison und Schmerzmitteln unter CT-Überwachung direkt in die entzündete Nervenwurzel injiziert, um sie zum Abschwellen zu bewegen und den Vagusnerv wieder frei fließen zu lassen. Durch die Anwendung sollte festgestellt werden, ob die vom Rücken ausgehenden Schmerzen befriedet werden und die Hüftbeschwerden übrig blieben. Ausschlussverfahren! Ich war sofort einverstanden, obwohl Spritzen in den Rücken natürlich unheimlich sind.
Der Versuch brachte tatsächlich das antizipierte Ergebnis. Die Beschwerde-Quelle LWS konnte beseitigt werden – und übrig blieb: die Hüfte! Mit dieser neugewonnenen Erkenntnis war der nächste Termin beim Orthopäden eine klare Sache. Als ich das Sprechzimmer betrat, war ich einer Operation gegenüber mehr als aufgeschlossen – und hatte nicht damit gerechnet, dass bislang nie erwähnte Fakten meine Entscheidung noch eindeutiger machen würden. Erstmals erfuhr ich, dass meine Hüfte mit hoher Wahrscheinlichkeit von Geburt an fehlgebildet ist. Der Fachbegriff: Hüftdysplasie. Die endgradige Arthrose auf der linken Seite ist der Tatsache geschuldet, dass meine Hüftpfanne dort zu flach ausgebildet wurde, das Gelenk nicht stabil darin laufen kann und der Knorpel im Laufe der Jahrzehnte dadurch übermäßig abgerubbelt wurde. Für die Theorie spricht, dass die rechte Seite in altersgemäß gutem Zustand ist.
Natürlich frage ich mich, warum erst der vierte Orthopäde, den ich aufgesucht habe, diesen gar nicht seltenen Befund stellte. Doch was würde es bringen, mich jetzt in diesem Beklagen zu suhlen!? Die Zeit ist vergangen, vielleicht war das sogar wichtig. Noch wichtiger ist, dass ich die Diagnose Arthrose, die ich in Anbetracht meines Alters und Lebensstils nicht verstehen und erst recht nicht akzeptieren(!) wollte, nun anders einordnen kann – und die „Senioren-OP“ durch ein anderes Narrativ ersetzen: die notwendige Korrektur eines Geburtsfehlers.

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