An diesem Tag, vor zehn Jahren, habe ich in einem Behandlungszimmer des Sana-Klinikums in Offenbach ausführliche Informationen zum Krebs in meiner linken Brust erhalten. Die Diagnose wurde mir bereits einen Tag zuvor mitgeteilt, telefonisch. Der Anruf ereilte mich im Auto, auf dem Heimweg aus München, wo ich ein Wohnzimmerkonzert besucht hatte, keineswegs aus heiterem Himmel. Ihm vorangegangen waren Untersuchungen, eine Biopsie und ein Verdacht. Drei Wochen später würde eine Operation folgen.
Zehn Jahre ist das nun her. Seit fünf Jahre gelte ich als geheilt. Denn fünf Jahre sind der Zeitraum, der veranschlagt wird, um die Genesung offiziell festzustellen. Man kann demnach schlussfolgern, ich sei doppelt geheilt. Oder jegliche Definitionen dieser Art für Humbug halten.
Ich hatte Glück. Mein Krebs war noch klein, zudem langsam wachsend und nicht aggressiv. Er hatte nicht gestreut. Die Brust wurde erhaltend operiert. Anschließend habe ich mich nach ausgiebigen Recherchen und sorgfältigem Abwägen, das ich mit journalistischem Ehrgeiz akribisch über einige Wochen betrieben hatte, gegen eine folgende Bestrahlung entschieden und gegen die Einnahme von Tamoxifen. Nach meiner tiefen Überzeugung war der Krebs mit der Entfernung besiegt. Ich nahm mein Leben wieder auf, ohne die zusätzlich empfohlenen Therapien für eine zusätzliche Sicherheit.
Mir könne nun nichts Schlimmeres mehr passieren. So dachte ich damals, im Jahr 2016. Nachdem die Narbe geheilt war, ich den lange geplanten Urlaub mit meinen Söhnen an der Nordsee verlebt hatte und zurück in meinem Job und meinem Alltag angekommen war. Ich war zu dieser Zeit bereits geschieden. Einen verlässlichen Freund hatte ich nicht. Aber ich würde auch keinen mehr brauchen. Ich würde gar nichts mehr brauchen. Keinen Mann, keinen beruflichen Erfolg, kein großes Geld, keine großartigen Erlebnisse. Wenn ich bloß gesund bliebe, so dachte ich, wäre ich für immer und ewig glücklich und zufrieden. Ich fühlte mich stark und glaubte, dass mich nichts mehr umhauen würde.
Leider wurde weder die Erwartung erfüllt, es könne mir nichts Schlimmes mehr passieren, noch blieb die Dankbarkeit für das einfache Leben auf Ewig erhalten.
Nach dem Überwinden einer mehrjährigen, schweren familiären Krise, gefolgt von Einkommenseinbrüchen in der Pandemie hat das Schicksal vor anderthalb Jahren erneut zugeschlagen. Ich habe es mit Schmerzen zu tun bekommen. Schmerzen, die mich einschränken, meinen Schlaf belasten und seelisch Spuren hinterlassen.
Leider funktioniert ein Menschenleben nicht in der Weise, dass es eine Prüfstelle gibt, die nach einer ausreichenden Anzahl Päckchen, die jemand getragen hat, feststellt: „Du hast genug geleistet und darfst bis zum Lebensende ohne Gepäck weiterreisen“. Statt dessen muss ich nun mit einem diffusen Schmerz-Gulasch irgendwie umgehen und leben und hoffen, dass irgendwann irgendwas an Gegenmaßnahmen greifen mag. Und falls nicht, bleibt wohl nur die Hoffnung, dass nicht noch etwas Neues dazu kommen möge. Keine weiteren Päckchen. Und Besinnung auf das, was gut läuft in meinem Leben. Vielleicht reicht das ja schon?!
Hinterlasse einen Kommentar