10. Juni

Rund drei Wochen sind vergangen seit dem Auftakt in meinem neuen Blog-Haus. Mehrere Feiertage, einige schöne und weniger schöne Ereignisse und neue MRT- und Röntgenbilder später bin ich endlich wieder da. Zwischendurch hatte ich bereits die Befürchtung lifewithnoname könne als One-Blog-Wonder in die Geschichte von WordPress eingehen. Das war viel zu schwarz gesehen. Aber so bin ich. Eben noch euphorisch und kurz darauf desillusioniert. Die Wahrheit liegt ja immer in der Mitte, das habe ich inzwischen gelernt. Und die besten Phasen in meinem Leben sind jene, in denen es mir gelingt, halbwegs gleichförmig in eben dieser Mitte zu schwimmen. Mitte tut gut und ist keinesfalls gleichbedeutend mit mittelmäßig. Mitte ist für mich ein Geschenk.

Die eigentliche Motivation heute ins Blog-Haus zurückzukehren ist das Datum, das, genauso wie der 18. Mai, autobiografisch ein Historisches ist. Denn der 10. Juni ist der Tag, an dem ich vor 10 Jahren in einen Operationssaal gerollt wurde, um den Krebs aus meiner linken Brust entfernen zu lassen. Damals wollte ich nach der Diagnose am liebsten sofort unters Messer. Drei Wochen Wartezeit haben mir überhaupt nicht gefallen. Schneidet das Ding weg und zwar sofort, dachte ich. Es gab keinen Zweifel an der Notwendigkeit der OP. Ich hatte keine Angst, etwas Falsches zu tun

Diesmal verhält es sich anders. Aufschneide-Pläne gibt es, sowohl für die Hüfte, als auch für die Wirbelsäule. Beide Baustellen existieren nebeneinander. Die Orthopädie möchte ein künstliches Gelenk einbauen, damit Knochen nicht mehr aufeinander reiben. Die Neurochirurgie möchte an einem Wirbel etwas Knochen abtragen, damit der Nerv nicht weiter komprimiert wird. Die beiden Abteilungen diagnostizieren und beraten getrennt voneinander. Was gängig ist, aber irritierend, um nicht zu sagen überaus verunsichernd für die Patientin. Sowohl das eine als auch das andere Fachabteilungen-Konzept verheißt ein Ende der Schmerzen und die Rückkehr zu unbelasteter Bewegung.

Über ein Jahr lang war ich engagiert auf den konservativen Wegen der Heilung unterwegs. Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Triggertherapie, Osteopatie, Gerätetraining, Training ohne Geräte, Atemtraining, die Liste ist lang. Ich habe mir eine Klimmzugstange in den Flur gehängt, Yoga-Matten gekauft und ein Stepboard. Zahlreiche Kleingeräte sind bei mir eingezogen. Und ja, ich habe regelmäßig trainiert, at home sowie im Gym, und mir einiges an Kraft, Stabilität und Beweglichkeit zurückerobert. Worauf ich stolz bin.

Status Quo ist nun jedoch: Ich trete auf der Stelle. Luft nach oben ist zweifellos vorhanden, aber ich habe den Eindruck, sie ist dünn. Merklich voran geht es nicht mehr. Und klar ist natürlich, dass ich mir nichts mehr wünsche, als die Ergebnisse, die Operateure versprechen. Schmerzfreiheit und unbelastete Beweglichkeit. Doch es gibt diesbezüglich viele Unsicherheiten, Zweifel und Fragen in mir. Womit fange ich an, Hüfte oder Rücken? Was ist Ursache, was Begleiterscheinung? Bin ich bereit für die Risiken? Und an Tagen, an denen es mir vergleichsweise gut geht, frage ich mich: Sollte ich lieber weiter kämpfen, bevor ich mich aufschneiden lasse? Ausgelassen habe ich bislang das Angebot an Spritzen. Akkupunktur ist ebenfalls pending. Einen Versuch wert? Und wäre Schmerztherapie eine Option?

Das Karussell in meinem Kopf dreht sich, oft rast es regelrecht. Die Argumente fallen mal so, mal so aus. Die eingangs erwähnte Tatsache, dass ich zwischen Extremen hin- und herkippe, macht Entscheidungen nicht leichter. Manchmal bin ich absolut verzweifelt und sage, dass ich nicht mehr kann und mich schnellstmöglich auf einen Operationstisch legen will, egal bei wem. Weil es ohne Eingriff nie mehr besser werden wird und ich das einsehen muss. Das Alter bringt so etwas mit sich, sage ich mir. No big deal. Machen. Mit diesem Vorsatz gehe ich dann ins Bett – und wenn ich aufwache, stelle ich ihn in Frage, sage mir: Du bist noch zu jung für derlei OPs. So zermürbend es ist: Ich muss es laufen lassen und warten, warten bis ich mir sicher bin. Erst dann wird es die richtige Entscheidung sein. Solange weiter trainieren, langsam auf ebenen Wegen gehen, in der Mitte schwimmen und… leben.

Gänseblümchenmomente as medicine.

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