Wer hat Angst vor Quiberon

Es gibt auf der Welt viele Orte, die durch den Klang ihres Namens oder aufgrund ihrer Buchstabenkombination außergewöhnlich wirken. Im Fall von Quiberon trifft beides zu. Dazu kommt noch, dass es einen Kinofilm gibt, der den Namen im Titel trägt, und in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern von drei Tagen im Leben der sagenumwobenen Romy Schneider erzählt. Dass der Aufenthaltsort unseres Urlaubs nicht direkt die Stadt, sondern ein kleiner Ort in der Nähe war, sei nur nebenbei erwähnt.

Erzählen möchte ich stattdessen von den 1000 Bedenken, die ich im Vorfeld der Reise an den Ort mit dem verheißungsvollen Namen hatte. Davor stand die Angst, durch meine körperlichen Einschränkungen den Urlaub kaum genießen zu können und dem Mann an meiner Seite die Tage am Meer gleich mit zu vermiesen, war riesengroß. Ich hatte Sorge, dass ich die hügeligen Sandwege über die Düne an mein geliebtes Meer gar nicht oder nur unter starken Schmerzen überwinden könnte. Und das war längst nicht alles.

Fortwährend malte ich mir Situationen aus, an denen ich scheitern würde, die mich frustriert zurücklassen würden. Bis er, der Mann, schließlich sagte: „Ich denke nicht in Problemen, ich denke in Lösungen.“ Der Satz wirkte wie eine Befreiung. Weniger wegen der life-coaching-anmutende Aussage. Es war die Art, wie er es sagte, der Sound, der die Worte begleitete. Im Subtext hörte ich: „Zerbricht dir nicht den Kopf, wir machen zusammen das Beste daraus, egal wie.“ Plötzlich fiel DIE ANGST, HOLIDAY CRASHERIN zu werden, von mir ab. Das war das 1. Highlight des Urlaubs, noch bevor er begonnen hatte. 

Am letzten Freitag im Juni in den frühen Morgenstunden ging sie dann los, die Reise, die ich innerlich unzählige Male abgesagt hatte. Zehn Stunden Fahrt im relaxten Tempo französischer Autobahnen, die ich richtig genießen konnte. Togetherness mit Proviant und Spotify-Playlists. Nachmittags erreichten wir unser über Airbnb gebuchtes Tiny House mit der, von einem Sonnensegel überdachten, riesigen Veranda. Seit ich die Fotos im Internet gesehen hatte, freute ich mich, dort viel Zeit zu verbringen. Ein Minigrundstück mit eigenem Parkplatz gehörte dazu. Das Ganze durch eine Hecke gesäumt. Wenige Quadratmeter mit erstaunlich viel Privatsphäre. Auf dem Campingplatz herrschten entspannte Atmosphäre und eine unerwartete Ruhe. Sämtliche Vorurteile, die mein Mann bislang über Campingplätze hatte, verflüchtigten sich mit jedem Tag mehr. Was einer kleinen Sensation gleichkommt. Nennen wir sie Highlight Nr. 2. 

Das bekannte Wohlgefühl, das sich bei mir einstellt, sobald ich am Meer bin, blieb hingegen zunächst aus. In den ersten drei Tagen fragte ich mich ständig, warum mein Herz partout nicht aufgehen will. Und fand schließlich die Lösung. Die Wellen waren daran schuld. An unserem Strand gab es nie dieses wogende Rauschen, das Auf und Ab des Meeres, das die Seele streichelt. Stattdessen: ein kettenfahrzeugähnliches Anrollen, verbunden mit einem ununterbrochenen Brandungsgeräusch, das wie eine Dauer-Lärmquelle auf mich wirkte. Die Erklärung von ChatGPT, dass dieses Phänomen auf Bodenbeschaffenheit vor der Küste zurückzuführen sei und Begriffe wie „Walzenwellen“ oder „Fließbandwellen“ waren tröstlich. Denn sie lieferten den Grund für den Stress, den ich empfand.

Wellen sind nicht gleich Wellen

An anderen Stränden in der Umgebung fanden wir dann tatsächlich meine Lieblingswellen und die seelische Erholung, nach der ich mich gesehnt hatte. Gleichzeitig konnte ich anerkennen, dass die Walzenwellen ebenfalls für etwas gut sind: Sie bieten zum Surfen eine optimale Unterlage. Als ich mich schließlich, während der Mann Wellen ritt, an die Baby-Version Bodyboard heranwagte, sämtlichen Befürchtungen „irgendwie falsch aufzukommen“ zum Trotz, verschaffte es mir kindliches Vergnügen, auf den Walzen bis an den Strand gespült zu werden. Das Kennenlernen und sinnvolle Einsetzen der unterschiedlichen Wellen ist Highlight Nr. 3.

Highlight Nr. 4 sind die Fahrradwege in dieser Gegend. Sie säumen die Straßen in und außerhalb der Ortschaften. Dazu gibt es ein Netz aus asphaltierten Fahrbahnen und befestigten Sandwegen, die sich durch die Dünen schlängeln. Ich liebe diese steppenartige Landschaft mit ihrer Weite, den Farben – und das Road Movie Feeling, das sie entfaltet. Dünen mit dem Rad zu durchfahren, kreuz und quer und völlig frei, empfinde ich als etwas sehr Besonders. Das Meer stets in Sichtweite; mal von Stränden, mal von Felsen gesäumt.

Schöne Tage sind immer möglich

Insgesamt war es, trotz Einschränkungen, ein wunderbarer Urlaub. Ich habe den Fußweg über die Düne bewältigt, konnte am Strand in kleinen Schritten auf und ab spazieren und machte meine ersten Bodyboard-Erfahrungen. Wir hatten Glück mit dem Wetter, fühlten uns in unserem Häuschen rundum wohl, verbrachten viel Zeit auf der Terrasse und kleine Zwischenfälle lösten keine Katastrophen aus. Wir radelten nach Quiberon und zu den landestypischen Menhiren. Mehrmals dinierten wir bei Sonnenuntergang auf einem Badetuch am Strand.

Ungeschlagenes Highlight (Nr. 5) ist deshalb, dass die Befürchtung, mein derzeitiger Status würde den Urlaub FÜR UNS BEIDE ZU EINEM REINFALL MACHEN, ausgeblieben ist.

Ein weiteres Highlight, das nicht direkt in die Aufzählung gehört, sind die Entwicklungen, die sich nach dem Urlaub ergeben haben und die ich separat aufschreiben will. Es geht um die Schmerzen nach der Rückkehr, um neue Erkenntnisse, die ich gerne früher gewusst hätte und eine Einsicht, die ihre Zeit gebraucht hat – vielleicht auch diesen Urlaub am Meer. Denn er bestätigt wieder einmal: Wo die Angst ist, geht es lang.

2 Antworten zu „Wer hat Angst vor Quiberon“

  1. Jetzt hast Du aber was angerissen – gibt es eine Fortsetzung? Oder zappeln wir jetzt alle wie ein Fisch am Haken, um mal im Bild zu bleiben?

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    1. Herzlichen Dank für die charmante Übertreibung! Definitiv eine Motivation die Weitererzählung nicht unnötig lange schleifen zu lassen. 🙂

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